Den energiepolitischen Kompass neu justieren und den schlafenden Riesen „Gebäudeenergieeffizienz“ jetzt wecken

VDMA

Berlin, 30.November 2016 – Innovative Lösungen aus der Gebäudetechnik stützen die Energiewende. Aber warum konnte der schlafende Riese „Gebäudeenergieeffizienz“ noch nicht geweckt werden?

Unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie fand am 30. November eine gemeinsame Konferenz der BDI-Initiative „Energieeffiziente Gebäude“ und des VDMA-Forums Gebäudetechnik in Berlin statt. Industrie, Politik und Forschung diskutierten, welchen Beitrag die Gebäudetechnik für Energieeffizienz und Ressourcenschonung für heute und morgen leisten kann.

„In Deutschland umfasst die Energiewende ambitionierte Ziele und wir sind auf einem guten Weg, diese zu erreichen“, betonte der Parlamentarische Staatssekretär Uwe Beckmeyer MdB, in seiner Begrüßungsrede.

Beckmeyer wies darauf hin, dass die Akzeptanz der Energiewende bei den Bürgern sichergestellt werden muss. „Dazu muss der energiepolitische Kompass neu justiert werden. Zukünftig gilt für uns: Efficiency First“.  Der Fokus soll demzufolge darauf liegen, bestehende Effizienzpotenziale besser zu nutzen. „Technologien und Systemlösungen müssen weiterentwickelt werden und hierbei soll Erfindergeist unterstützen“, forderte Beckmeyer.

Für Holger Lösch, Mitglied der Hauptgeschäftsführung im BDI, und Naemi Denz, Mitglied der Hauptgeschäftsführung im VDMA, sind schon heute die erforderlichen Technologielösungen für das Gebäude von morgen vorhanden. Durch intelligente Kombination verfügbarer Lösungen und unter Einhaltung der Leitplanken wie Technologieoffenheit, Wirtschaftlichkeit und Freiwilligkeit könnten die Energie- und CO2-Einsparziele auch erreicht werden.  „Die vor Kurzem mit dem Klimaschutzplan 2050 erfolgte Anhebung der Einsparziele im Gebäudebereich kann auch eine Chance sein: Der Gebäudesektor muss jetzt mehr politische Aufmerksamkeit bekommen“, mahnt Lösch, „der dringend benötigte zusätzliche Impuls in Form einer steuerlichen Förderung muss jetzt umgesetzt werden“. „Klimaschutz geht alle etwas an - egal ob wir von Wohngebäuden oder Nichtwohngebäuden sprechen“, sagte Denz.

Welche Lösungen haben wir, welche Potentiale gibt es?

Die „Schaffung perfekter Orte“ stellte Matthias Rebellius, CEO Siemens Building Technologies Division, in Aussicht. Die Digitalisierung von Gebäudedaten hilft dabei, den Mehrwert für Kunden zu schaffen. „Wir brauchen Partnerschaften und offene Systeme, um diesen Change Prozess weiter zu entwickeln. Wir reden somit nicht mehr von Big Data, sondern von Smart Data“, erläuterte Rebellius.

Die Digitalisierung wird gesamte Unternehmen verändern. Alle Prozesse, Werkzeuge und Methoden, Produkte, Firmen-/Führungskultur und die Kundenintegration unterliegen dieser Entwicklung, so Dr. Markus Beukenberg, Mitglied des Vorstands/CTO, WILO SE.

„Lösungen gemeinsam erreichen“, lautete die Botschaft von Dr. Meinholf Pohle, Vorsitzender der Geschäftsführung Schindler Deutschland AG & CO KG. Partnerschaften sind zukünftig sehr wichtig, damit die Konzentration auf bestehende Kernkompetenzen nicht verloren geht.

Dr. Carsten Voigtländer, Vorsitzender der Geschäftsführung/CEO Vaillant Group, wies darauf hin, dass eine höhere Sanierungsrate im Gebäudebestand notwendig ist. 70 Prozent der Heizungen im Bestand sind veraltet und der Neubau in Deutschland liegt bei circa 300.000 Wohneinheiten pro Jahr. „Hier müssen der Hebel zur Steigerung der Energieeffizienz angesetzt und optimale Gesamtpakete geschnürt werden“, forderte Dr. Voigtländer.

Defosilisierung anstatt Dekarbonisierung

In der Podiumsdiskussion, bestehend aus Vertretern des Bundestags, der Industrie und der Forschung, bestand Einigkeit darüber, dass die Sanierungsrate steigen und Technologieoffenheit im Gesamtkontext eine zentrale Frage bleiben muss.

„Es ist besser, wenn der Staat Ziele vorgibt, anstatt Technologien vorschreibt. Denn Ziele kann man anpassen“, sagte Dr. Herlind Gundelach MdB, CDU/CSU-Bundestagsfraktion. In diesem Zusammenhang wurde nicht von Dekarbonisierung gesprochen, sondern von Defosilisierung. „Defosilisierung beschreibt den Pfad präziser, wenn es darum geht, einen CO2-neutralen Gebäudebestand in 2050 zu erreichen“, erläuterte Gundelach.

Im Rahmen der Sektorkopplung wies Prof. Dr. Hans-Martin Henning, stellvertretender Institutsleiter Fraunhofer ISE, darauf hin, dass das Fortschreiten der Energiewende im Gebäude 4.0 ohne Sektorkopplung nicht mehr machbar ist. Es gibt zu viele Energiequellen, die nicht planbar sind, sagte er.

Rahmenbedingungen für neue Technologien

„Ziele scheitern nicht an der Technik. Wenn wir technologieoffen vorgehen, werden wir den richtigen Weg finden“, erläuterte Manfred Greis, stellvertretender Vorsitzender der BDI Initiative „Energieeffiziente Gebäude“. Um den Stillstand in der energetischen Gebäudesanierung zu überwinden, wird ein attraktives und unbürokratisches Anreizsystem benötigt. Zu der viel diskutierten steuerlichen Förderung müsse in der nächsten Legislaturperiode ein neuer Anlauf unternommen werden. Hier betonte Thorsten Herdan, Leiter Abteilung Energiepolitik – Wärme und Energieeffizienz des BMWi, dass es nicht richtig ist, wenn wir im Gebäudebestand Produkte vorschreiben. Es gehe vielmehr darum zu überzeugen, welche Maßnahmen sinnvoll und verlässlich sind.

„Gerade im Nichtwohngebäudebereich benötigen wir einen Sanierungsfahrplan, damit die Umsetzung ab jetzt erfolgen kann“, bekräftigte Uwe Großmann, Vorsitzender VDMA Forum Gebäudetechnik.

Wir müssen das Momentum der Aufbruchsstimmung jetzt nutzen, den energiepolitischen Kompass neu justieren und endlich aus der Planung Handlungen folgen lassen.