Klimaneutrale und energieeffiziente Gebäude – Geht da noch was?

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Hinter uns liegen viele Monate, die Ende 2019 wohl niemand so vorhergesagt hätte. Viele Wirtschaftsbereiche haben die Lockdown-Maßnahmen extrem hart getroffen. Auf den Baustellen in Deutschland, aber wurde - anders als in anderen europäischen Ländern - wenn auch mit gewissen Einschränkungen vielerorts weitergearbeitet.

Die baurelevanten Sektoren im VDMA sind bislang recht unbeschadet durch die Krise gekommen. Andere spüren bereits die größer gewordene Unsicherheit in den Märkten. Schon länger bestehende Herausforderungen wurden durch Corona deutlicher sichtbar. So etwa die strukturellen Rückstände vieler europäischer Staaten und insbesondere Deutschlands im Bereich der Digitalisierung. Auch die finanziellen Verwerfungen im Euro-Raum und die sich ändernden Strategien in der Geldpolitik, die sich längerfristig in einen Fluch verwandeln können, können den Bausektor und seine Zulieferanten direkt und indirekt treffen. Weiterhin irritiert der Schlingerkurs Großbritanniens in Sachen Brexit und die angespannte Lage im internationalen Handel belasten die Wirtschaft. Wie wird es unter diesen Randbedingungen für das Zukunftsprojekt energieeffiziente und klimaneutrale Gebäude weitergehen?

Auswirkungen auf den Baumarkt

Dabei gibt es für die Aussichten des Bauwesens insgesamt zunächst auch offensichtliche positive Faktoren. So werden die günstigen Finanzierungsbedingungen wohl noch längere Zeit fortbestehen und die anhaltende Zuwanderung führt zu einem gestiegenen Bedarf an Wohnraum. Steuerliche Anreize und Subventionen sowie die Energiepolitik tragen auch positiv zu der Entwicklung bei. Im Tiefbau macht der teilweise marode Zustand der Infrastruktur Investitionen unausweichlich. Daneben überwiegen allerdings negative Einflüsse auf die Baukonjunktur, so etwa die öffentliche Verschuldung in Teilen Europas, insbesondere in den südlichen Ländern.

Auf den Wohnungsbau wirken sich die im Mittel sinkenden Haushaltseinkommen und die angespannte Preissituation negativ aus. Im Nichtwohnungsbau sind die Unternehmensgewinne, die Lagerbestände und Lieferkettenprobleme und damit die fallende Kapazitätsauslastung in weiten Teilen der Wirtschaft schädlich für die zukünftige Bautätigkeit. Hinzu kommt, dass sich etliche Unternehmen überraschend positiv über die Home-Office-Erfahrungen äußern und der Bedarf an Bürofläche demzufolge in den kommenden Jahren rückläufig sein dürfte. Einzelne Stimmen gehen hier von über einem Drittel weniger an mittel- und langfristig benötigter Bürofläche aus.

Hauptsächlich der Infrastrukturbau könnte von dem massiven Gegensteuern der Regierungen und der EU-Kommission gegen die Wirtschaftskrise profitieren. Daneben dürfte der Run auf Immobilien als Investitionsobjekte angesichts des Zinsumfeldes bei bestimmten Investorengruppen weiter anhalten. Es liegen zwar Bauprognosen vor, etwa von EUROCONSTRUCT aus dem Juni 2020, die von einem Rückgang der gesamten europäischen Bautätigkeit um 11,5% 2020 und einem Anstieg in 2021um 6% ausgehen, allerdings sind diese Zahlen angesichts des unsicheren Infektionsgeschehens mit großer Vorsicht zu betrachten. Für Deutschland sieht EUROCONSTRUCT einen Abschwung von 2,4 % 2020 und eine Aufwärtsbewegung um 1,2 % 2021.

Die Frage der Energieeffizienz von Gebäuden hängt entscheidend von politischen Rahmensetzungen ab. Das hat wesentlich damit zu tun, dass die Errichter von Gebäuden nur in wenigen Fällen gleich mit den Benutzern und Betreibern derselben sind. So werden zukünftige Ersparnisse an Energie gerne ignoriert, wenn sich dadurch die Baukosten verringern lassen. Die Politik, insbesondere in der EU und dabei besonders in Skandinavien, weiß das und steuert durch Maßnahmen der Förderung und im Ordnungsrecht dagegen. Dabei werden im Rahmen der Corona-Politik gerne Instrumente zur Bekämpfung der Folgen der Pandemie mit Klimazielen vermengt.

Gebäudeenergiegesetz und Energy Performance of Buildings Directive

Daher wird heute in Diskussionen um Energieeffizienz und Treibhausgasausstoß von Gebäuden viel über den Green New Deal und die Renovation Wave gesprochen. Die bereits 2018 veröffentlichte Energy Performance of Buildings Directive EPBD gerät angesichts der großvolumigen Corona-Projekte leicht in Vergessenheit. Dabei ist sie in den meisten Mitgliedsländern der EU nicht oder nur mangelhaft umgesetzt. Dies hätte bis zum 10. März 2020 erfolgen müssen. Auch Deutschland hat die nationalen Gesetze nur unzureichend geändert und muss mit Mahnschreiben aus Brüssel rechnen.

Das Gebäudeenergiegesetz GEG trat nach dem zweiten Anlauf zwar im November 2020 in Kraft. Es wirkt allerdings mit Blick auf die definierten Klimaziele nicht ausreichend ambitioniert.

Hierzu einige Beispiele: Im Falle von großen Nichtwohngebäuden ist der von der EPBD geforderte Einsatz von Funktionen der Gebäudeautomation wie Monitoring, Benchmarking und gewerkeübergreifende Kommunikation der technischen Systeme ab 2025 noch nicht implementiert. So kann auf heutige Investoren in Gebäudeautomation schon 2025 eine Nachrüstverpflichtung zukommen, denn die EPBD zielt in diesem Fall sowohl auf Neubau als auch auf den Gebäudebestand ab.

Wo die EPBD nur Empfehlungscharakter hat, zeigt sich das GEG leider besonders ambitionslos. Für Mehrfamilienhäuser bspw. setzt es keine Anforderungen für eine Automation/fortschrittliche Heizungsregelung wie Art 14 EPBD empfiehlt. Die EPBD betrachtet die Ausstattung von Wohngebäuden mit Monitoring-, Diagnosefunktion und wirksamer Steuerung als geeigneten Ersatz für manuelle Inspektionen und als Weg den energieeffizienten Betrieb des gebäudetechnischen Systems insbesondere in Teillast zu gewährleisten. Es ist schade, dass das GEG so wenig geeignet ist, die Effizienz von Heizungssystemen in Mehrfamilienhäusern im Bestand zu verbessern. Das Einsparpotential wäre groß. Besonders im Fall von Eigentümergemeinschaften ist durch die in Deutschland favorisierten Förderprogramme in Sachen Energieeffizienz und Klimaschutz wenig Fortschritt zu erwarten.

Der Gesetzgeber hat auch die Chance verpasst, den hydraulischen Abgleich beim Austausch des Wärmeerzeugers zur Pflicht zu machen. Dieser fehlt bei 85% aller Wohngebäude und könnte jährlich 10 Mt CO2 einsparen. Der hydraulische Abgleich ist Voraussetzung, um die Leistung der Heizungsanlage unter typischen Betriebsbedingungen optimieren zu können und sollte daher zu den Mindestanforderungen an gebäudetechnische Systeme gehören.

Die Politik hat es in der Vergangenheit leider nicht geschafft durch Ihre Maßnahmen die Renovierungsrate deutlich zu steigern, geschweige denn eine Renovierungswelle auszulösen, und so die Energieeffizienz im Gebäudesektor merklich zu erhöhen. So können die sportlichen Klimaziele der Regierung leider nicht erreicht werden.